Völkermord an den Aramäern

 

von Dipl.-Theol. Sabo Hanna


Die Aramäer und andere mesopotamisch-orientalische, christliche Völker erlebten durch die Jahrhunderte von den herrschenden damaligen Großmächten viele Massaker und Völkermorde. Seitdem ihre Existenz im mesopotamischen Raum wissenschaftlich nachweisbar ist, sind sie Unterdrückungen ausgesetzt. Die erste Besatzungsmacht waren die Assyrer. Durch ihre Expansionspolitik waren sie ständig mit ihren aramäischen Nachbarn im Krieg.

 

So wurden die aramäischen Stämme (z.B. Achlamu/Ahlamu-Aramäer existieren bis heute in Mardin und deren Umgebung, die heute auch Ahlamoye oder Mahlamoye bzw. Mhalmoye genannt werden), die die ersten Bewohner der Landschaft Tur-Abdins sind, von den assyrischen Königen Salmanasar I. (1274-1244 v.Chr.), Assurdan II. (zweite Hälfte des 10. Jh. v. Chr.), Adad-ne(r)ari II. (922-911 v. Chr.), Tiglatpilesar I. (1117-1077 v.Chr.), Tiglatpilesar III. (745-727), Sargon II. (721-705 v.Chr.) und viele andere oft bekämpft, geplündert und massakriert. Sie wurden außerdem von den Persern, Byzantinern, Arabern, osmanischen Stämmen und deren Nachkommen, den Türken und Kurden ermordet.

 

Viele dieser Massaker werden von den aramäischen Autoren in Memre [Gedichte] beschrieben. Die Überlebenden des Krieges erzählen heute noch von den schrecklichen Tagen dieses Völkermordes. Zwei davon, nämlich die Massaker von 1895 und von 1914/15 werden hier anlässlich des aktuellen Ereignisses um den Fall des aramäischen Priesters von Diyarbakir Yusuf Akbulut behandelt.

 

1. Massaker von 1895


Sultan Abdulhamid II. (1876-1908), der «rote» oder «blutige Sultan» – vom vielen Blutvergießen so genannt - war in der Nationalitätenfrage sehr «panislamisch» eingestellt. Er hoffte mit der Sammlung und Einigung aller muslimischen Völker gegen die «Ungläubigen» (Gavurlar) dem inneren Zerfall seines Reiches entgegenzuwirken. Gleichzeitig wollte er die Unabhängigkeitsbestrebungen der muslimischen Araber, Kurden, Albaner sowie anderer Völker auffangen. Sultan Abdulhamid II. bildete 1890/91 eine Reiterdivision von nomadischen Kurden, die «Hamidiye Alaylari», um die Kurden gegeneinander auszuspielen. Eine weitere Aufgabe dieser Truppe bestand darin, die nicht-muslimischen christlichen Völker Kleinasiens und Mesopotamiens [Aram-Nahrin - Aram der vier Flüsse], die Armenier und Aramäer auszuplündern und niederzuwerfen. Die Interessen aller nicht-muslimischen Völker nach Freiheit und Gleichberechtigung stießen auf taube Ohren.

Die immer unerträglicher gewordene Lage der Armenier im Osmanischen Reich seit 1872 führte zur Mobilmachung und Selbstverteidigung. Zwischen 1885 und 1891 entstanden daraufhin drei politische Parteien, die die Armenier-Frage im damaligen Osmanischen Reich zu lösen versuchten: die Armenakan-Partei, die Hntschak-Partei und die Daschnakzutjun-Partei. Die Hntschak befürwortete die Unabhängigkeit Armeniens und versuchte 1893 mit Plakaten in türkischer Sprache die muslimische Bevölkerung der Provinz Sivas und Zentralanatoliens gegen ihre Unterdrücker aufzubringen. Dieser Aufruf wurde von den Osmanen als Vorwand genommen, eine großangelegte Jagd gegen die Armenier zu starten. Auf einer Demonstration, die von den Hntschak am 30.09.1895 in Konstantinopel organisiert wurde, kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und armenischen Demonstranten. In den Jahren 1894-96 wurden dem armenischen Patriarchat von Konstantinopel zufolge 300.000 Tote gezählt.

Was das Massaker an die Aramäer anbetrifft, so sind wir auf das Buch «Dmo Zliho» [Vergossenes Blut] von Naaman aus Karabash (bei Diyarbakir) angewiesen. Ebenso behandelt das zweibändige arabische Werk] «Al-qusara fi nakabat an-nasara» [Das Äußerste in den Katastrophen der Christen] die Ereignisse in den Jahren 1895 und 1914/15. Der Autor ist ein aramäischer Geistlicher, Ishak Armalé (1879-1954) aus Mardin. Eine weitere zuverlässige Quelle ist der deutsche Orientalist und Missionar der Evangelischen Kirche Johannes Lepsius: Bericht über die Lage des armenischen Volkes, Potsdam 1916 sowie Deutschland und Armenien 1914-1918.


In der Bücherei des Pfarrers Paulus Abdullahad von Karabash fand Naaman Karabash ein Buch, in dem die Schicksalsschläge (Massaker) der Aramäer und der anderen Christen in den Städten Omid (Diyarbakir), Urhoy (Edessa-Urfa), Siverek, Melitene (Malatya), Sason und den umliegenden Dörfern, geschildert werden. Massaker fanden auch in den Gegenden von Besheriye, Lice, Gharzan, Firat, Adiyaman, und Hasanmansour statt.

 

Anfang November 1895 wurde von den Verantwortlichen der Moslems von Diyarbakir, nämlich Cemil Pasha, Bahram Pasha und anderen ein Edikt erlassen, in dem die Kurden aufgerufen werden, die Christen zu töten. In der Muttergotteskirche von Diyarbakir haben sich mehr als 8.000 christliche Aramäer versteckt (die anderen Christen in den Dörfern nicht mitgezählt). Diese Verfolgung hielt bis 18. Dezember an, wobei ca. 100.000 Armenier und Zehntausende Aramäer zum Opfer fielen.

 

2. Völermord von 1914/1915


Es ist wohl bekannt, dass der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts von den osmanischen Türken verübt worden ist. Die Opfer dieses Holocaust waren die Aramäer und die Armenier. 1914 begann auch der Erste Weltkrieg. Die osmanischen Türken nahmen die Kriegswirren zum Anlass, um gegen die anatolischen christlichen Völker vorzugehen. Die christlichen Balkanvölker hatten durch den Krieg von 1912 ihre Unabhängigkeit erlangt. In Afrika und Arabien mussten die Osmanen durch die Aufstände der arabischen und nichtarabischen Völker Gebietsverluste erleiden.

Die Türken fühlten sich nun auch in Anatolien und Mesopotamien eingeengt. Aus der Befürchtung heraus, dass sie weitere territoriale Gebiete verlieren würden, betrachteten sie die christlichen Völker Anatoliens als Störfaktor. Ein weiterer Grund war, dass die osmanischen Türken schon immer davon geträumt hatten, ein «großtürkisches Turanreich» mit allen asiatischen Türkvölkern zu schaffen. Aus diesem Hintergrund betrachtet, standen insbesondere die Armenier und die Aramäer im Wege. Damit wollte man schnellstens fertig werden. Mit dem mohammedanischen Ruf zum «Jihad», zum Heiligen Krieg, wurden die christlichen Völker zum Feind und Verräter erklärt. Die Türkei stand im Ersten Weltkrieg auf der Seite Deutschlands und Ungarn-Österreichs.

Kaiser Wilhelm II. und der Botschafter Marschall von Bieberstein waren die Protagonisten einer aktiven Türkei-Politik. Diese Politik folgte den wirtschaftlichen Interessen des Kaiserreiches, denn sie versprach die Gewinnung von Absatzmärkten und die Sicherung von Rohrstoffzufuhren. Das deutsche Interesse an der Türkei wurde durch eine weitere Orientreise des Kaisers unterstrichen. Dieser hielt eine Rede am 08. November 1898 in Damaskus, mit der er sich als Schutzherr der Muslime anbot.

Während seiner Orientreise über Konstantinopel [Istanbul] sagte der deutsche Kaiser in Damaskus über die Türken: «Möge seine Majestät der Sultan und mögen die 300 Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde zerstreut lebend in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, dass zu allen Zeiten der Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird». Dieselbe Rede findet sich fast wörtlich bei dem aramäischen Gelehrten Naaman Qarabash in seinem Buch «Dmo Zliho» [Vergossenes Blut]: «Ich verspreche allen 300.000.000 Moslems in der ganzen Welt, dass der deutsche Kaiser für alle Zeiten ein wahrer Freund der Moslems bleiben wird.».

Diese verblüffende Rede des deutschen Kaisers ärgerte die Regierungen in Paris, London und Petersburg. Die Türkei sandte Soldaten zur Unterstützung der Deutschen. Auch finanzielle Unterstützung leisteten die Türken an das Deutsche Reich, ca. 30.000.000 Dinare-Gold. Als Gegenleistung errichtete Wilhelm II. eine prächtige Moschee in Berlin, deren Turm 23 m überrag, wobei er selbst den Grundstein legte. Zur Unterstützung der türkischen Streitkräfte sandte der Kaiser Offiziere und Soldaten. Am 13.07.1915 wurde anlässlich der Restaurierung der großen Moschee von Berlin ein großes Fest gefeiert, an dem auch Muhtar Pascha teilnahm.

Viele deutsche Offiziere haben an den Plünderungen, Vergewaltigungen und Morden an Christen teilgenommen. Wenn Deutschland es gewollt hätte, der Völkermord von 1915 verhindert werden können.

 

Entstehung und Auswirkungen des Krieges


Als einer der Hauptakteure des Völkermordes an den anatolischen Völkern galt Enver Pascha. Dieser osmanische General trat 1907 zum «Komitee für Einheit und Fortschritt» (Ittihat ve Terakki Cemiyeti), nachdem er die Offiziersausbildung absolvierte. Als Kriegsminister des Völkermordes war er ein Bewunderer Deutschlands und lebte mit dem Traum, ein großtürkisches «Turanreich» zu schaffen.

Ein anderer Akteur des Völkermordes von 1915 war Cemal Pascha. Auch er hatte eine militärische Laufbahn und war Mitglied des genannten Komitees. Im Jahre 1909 beendete er den Aufstand der Armenier in Adana. Während des Ersten Weltkrieges war er Minister für den Meeresbereich und zugleich Kommandant der zweiten und vierten Armee. 1922 wurde Cemal Pascha in Tiflis von einem Armenier ermordet. Auch er war ein Verehrer des «Turanismus».

Das Ziel der nationalistisch-rassistischen jungtürkischen Bewegung, der panturanistische Partei «Ittihat ve Terakki» (=Komitee für Einheit und Fortschritt) war es, die Christen auszulöschen und den Weg zum Kaukasus freizumachen, für ein großtürkisches Reich. Alle türksprachigen Völker vom Transkaukasus bis nach Sinkiang (Ostturkestan) im heutigen Nordchina sollten in einem riesigen Reich unter der Führung der Osmanen vereinigt werden. Gerade diese Partei und deren Offiziere werden als Hauptverantwortliche des Genozids betrachtet. Unter Talat Pascha wurde der Deportations- bzw. Vernichtungsplan aller Christen ausgearbeitet und als Gesetz verabschiedet. Der Gründer der jetzigen Republik Mustafa Kemal Atatürk, Ismet Inönü und viele andere Generäle waren ebenso Mitglieder dieser Partei. Dabei benutzten die Türken die Kurden und versprachen ihnen, ihre eigenen Rechte zu erhalten.

Am 09.08.1914 wurde ein Edikt erlassen, in dem die Christen aufgefordert werden, Gold zu zahlen, um nicht in den Krieg eingezogen zu werden. Alle christlichen Männer, Aramäer, Armenier, Katholiken, Chaldäer und Protestanten, von 20 bis 45 mussten jeder fünfzig Dinare-Gold zahlen.

 

Am 09.04.1915 befahl der Gouverneur von Amid, alle christlichen Geistlichen zu verhaften. Innerhalb von drei Tagen brachten sie ca. 1.200 Männer zusammen. Sie wurden gefoltert, manchen die Finger, manchen die Nägel oder andere Organe abgeschnitten. Am 25. April 1915 wurden alle 1.200 Männer aus der Stadt Mardin , entlang des Flusses Tigris hinausgeführt. Sie wurden begleitet von 15 Fähren und rund 500 Soldaten. Man führte sie ins Dorf Shkafta in ein Tal und tötete sie dort alle.

 

Am 05.04.1915 beorderte Raschid Pasha aus der Hauptstadt Istanbul sechs Offiziere seiner Partei als Spione, die der armenischen Sprache mächtig waren. Sie wurden in eine armenische Kirche kommandiert, um die Armenier zu bespitzeln. Vom 12. bis 15.04. wurden 614 Männer, Führer und Händler verhaftet. Die Gefängnisse wurden von Tag zu Tag aufgefüllt. Die Gefangenen wurden gefoltert, ihre Zähne entwurzelt, anderen wurden die Hände und Füße durchbohrt und schließlich getötet. Während dieser Zeit wurden 840 Männer, die in Erzurum, Trabzon und Erzincan arbeiteten, brutal umgebracht, als sie unterwegs nach Diyarbakir waren.

 

Am 25.04.1915 wurden 807 Gefangene gefesselt und aus der Stadt Diyarbakir zum Mardin-Tor gebracht. Sie wurden mit 17 Fähren über den Euphrat-Fluss etwa eine Stunde von der Stadt entfernt in Ramma entblößt und anschließend umgebracht. Auf diese Weise wurden ebenso Hunderte Männer, Frauen, Priester und Bischöfe in Moscheen abtransportiert und durch unmenschliche Taten misshandelt und getötet, so Abdulmesih Naaman Qarabash in seinem Buch "Dmo Zliho" [Vergossenes Blut].

 

Das Gesetz <<Sevk ve Iskan>>


Die osmanisch-türkische Regierung unter der Führung «Bund für Einheit und Fortschritt» verabschiedete am 25. Mai 1915 das Gesetz «Sevk ve Iskan» (=Deportation und Siedlung). Dieses wurde als «humanitäre Lösung» verstanden, um die Armenier und andere Christen auszulöschen, so Hans-Lukas Kieser. Gemäß diesem Gesetz sollte sich die im Kriegsgebiet aufhaltende Bevölkerung und diejenigen, die sich durch Spionage und Verrat am Staat schuldig gemacht haben, einzeln oder in Gemeinschaft in Gebiete, die sich außerhalb der Kriegszone befanden, transportiert und angesiedelt, anschließend getötet werden.

 

Der Erste Weltkrieg [1914-18] verursachte durch wirtschaftliches und politisches Machtstreben der Großmächte ca. 8 Millionen Tote und 20 Millionen Verwundete. Die Zahl der unschuldigen und unbeteiligten Opfer auf Seiten der Aramäer beträgt rund 500.000. Mehrere Zehntausende wurden  außerdem verschleppt und in Deportationslager gebracht. Tausende Aramäer mussten ihre Heimat verlassen, so dass sie heute auf der ganzen Welt verstreut leben.

Da sich die Türkische Republik heute als die wahre Erbin des Osmanischen Reiches versteht, ist sie für den Völkermord von 1914/15 mitverantwortlich. Bis heute ist in der Türkei die Diskussion über dieses Thema Tabu. Jeder, der versucht, dieses Verbrechen des osmanisch-türkischen Regimes zu thematisieren, wird mit der Härte des Gesetzes konfrontiert.

 

Der Fall des Priesters Yusuf Akbulut ist ein Beispiel dafür. Auch die Journalisten oder Schriftsteller, die diese Tragödie ansprachen, wurden zu mehrjährigen Strafen verurteilt. Die heutige türkische Republik wird auch in Zukunft mit der Völkermordthese konfrontiert werden. Das türkische Regime muss dafür sorgen, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit ohne Bedenken frei und nach demokratischen Prinzipien diskutiert und behandelt werden kann. Nur so kann die Türkei in der EU und in der ganzen Welt als wahrer Partner und Garant der Demokratie angesehen werden.

Unser Traum und Wunsch ist und bleibt, dass sich die Türkei rasch und zügig reformiert und in der zivilisierten und demokratischen Weltordnung Fuß fasst.

 

Quelle:http://www.mor-afrem.de